Anne Frank war zu Gast in Zittau: Was geblieben ist

Mehr als 77 Jahre ist es her, dass gut 700 km von Zittau entfernt in Amsterdam eine Teenagerin ihre Gedanken und Gefühle einem Tagebuch anvertraute. Was alltäglich klingt und dazu noch weit vom hier und jetzt entfernt scheint, wirkt jedoch bis heute. Das Mädchen war Anne Frank. In ihrem Tagebuch beschrieb sie die Verfolgung durch die Nationalsozialisten, das Leben im Versteck, die Angst entdeckt zu werden, aber auch die Hoffnungen und Wünsche einer Jugendlichen.

Mit unserer Stadt scheint das auf den ersten Blick im Jahr 2022 nicht viel zu tun haben. Dass dem nicht so ist, bewiesen die 33 Peer-Guides, 800 Schüler:innen der umliegenden Schulen, zahlreiche Engagierte und Besucher:innen in der Ausstellung »Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte«, die vom 15. Juni bis 14. Juli in der Johanniskirche Zittau zu sehen war. Insgesamt haben sich ca. 130 Menschen als Peer-Guides, Vorleser:innen, Organisator:innen des Begleitprogramms Mitwirkende bei der Kunstaktion „Tagebuchanstöße im Stadtraum“ – meist ehrenamtlich – engagiert. Das Rahmenprogramm und ein Großteil der Werbung wurde fast ausschließlich aus Spenden bestritten, die uns über 20 lokale Unternehmen und Einzelpersonen ermöglichten.

Die Wanderausstellung des Anne Frank Zentrums erzählt von Annes Aufwachsen im Deutschland der frühen 1930er Jahre, dem Leben der Familie Frank in Amsterdam ab 1934, den Restriktionen gegen sie, der Verfolgung der niederländischen Jüdinnen und Juden ab 1940, dem Zusammenleben im Versteck, den Helfer:innen, dem Verrat und schließlich der Ermordung Annes und der anderen Versteckten.
Die Ausstellung zeigt damit wie der nationalsozialistische Terror ein Familienleben beeinflusste und letztlich zerstörte. Annes Aufzeichnungen geben acht Verfolgten von den über 6 Millionen jüdischen Opfern ein Gesicht.

In einem zweiten Teil der Ausstellung konnten sich die Besucher:innen mit den Hintergründen von Ausgrenzung und deren Folgen auseinandersetzen. Was macht mich und mein Gegenüber aus? Was definiert uns? Wer gehört zu uns, wer nicht? In welchen Schubladen denken wir? Dieser Teil der Ausstellung regt durch die direkte Ansprache zur Reflektion persönlicher Erlebnisse an.

Unkommentiert blieben die Inhalte der Ausstellung in Zittau aber nicht. 27 Schüler:innen führten Schulklassen aus der Umgebung durch die Ausstellung. Ebenso vermittelten sechs erwachsene Peer-Guides Gruppen die Inhalte. Ein vielfältiges Begleitprogramm aus Lesungen, Konzerten, Theater und Workshops trug die Themen zusätzlich in die Stadtgesellschaft.
Anne Franks Erlebnisse liegen zwar weit zurück, an Aktualität hat die Auseinandersetzung mit ihnen aber nicht verloren. Wenn demokratische Werte in Frage gestellt werden und „alternative Fakten“ weder erkannt noch hinterfragt werden, kann uns Annes Geschichte vor Augen führen, wohin die vermeintlichen Lösungsansätze des Populismus führen können.

Das Projekt „Deine Anne“ in Zittau endete zwar am 14. Juli mit der Finissage in der Johanniskirche, ohne Nachhall bleibt es aber vermutlich nicht. Neben dem großen Dank an alle Beteiligte und besonders an die Peer-Guides stellte sich auch die Frage „Was bleibt?“. Zwei jugendliche Ausstellungsvermittler:innen des Projektes und zwei heute erwachsene Frauen, die vor über 20 Jahren Peer-Guides der Anne Frank Ausstellung waren, erzählten von ihren Eindrücken, ihren Beweggründen und davon, was sie aus den Projekten mitgenommen haben.
Projekte wie dieses können nicht nur ganze Biografien durch eine spätere Berufswahl oder den Einsatz fürs Ehrenamt prägen. Das Projekt hat das Potenzial, nachhaltig für das Thema der Diskriminierung zu sensibilisieren und die Aktualität im Vergangenen erkennbar zu machen.

Und auch zukünftig, möchte die Netzwerkstatt mit Peer Guides, interessierten und engagierten Menschen der Stadtgesellschaft weitere Themen umsetzen und sich Inhalten nähern – gern informieren wir Sie darüber und laden zum Mitmachen ein.

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